Ohne Vorwarnung: Papier-Tsunami im Briefkasten

Vor einigen Jahren hatte ich hier den Berliner „Tagesspiegel“ (für die Jüngeren: Das ist eine Tageszeitung aus der Hauptstadt) gelobt: Ein kostenloses Probe-Abo wurde dort angepriesen mit dem Leckerli, dass es auch wirklich garantiert nach 14 Tagen endet. Also musste man nicht erst mit einem Anwalt drohen, falls man im Urlaub nicht nach zwei Tagen einen verstopften Briefkasten haben wollte.

Dieses Versprechen erfüllt der Tagesspiegel noch immer, allerdings haben sich die Vertriebsleute eine raffinierte neue Facette einfallen lassen: Sie schicken einem einfach so ein Probeabonnement – auch wenn man es gar nicht angefordert hat. Sicherlich haben sie den Datensatz noch irgendwo im System schlummern.

Aus heiterem Himmel flattert ein Brief rein, man werde mit der Probelieferung am soundsovielten starten. Natürlich weiß der Vertrieb nicht, dass zu dieser Zeit bei uns noch das dreimonatige Gratis-Abonnement der „Berliner Zeitung“ läuft. Also sind wir jetzt absolut überinformiert. Und müssten eigentlich Urlaub nehmen, um uns durch die Papierberge zu kämpfen.

(Nachtrag 5.5.15: Ich habe den Tagesspiegel zu früh gelobt. Das unaufgeforderte Gratis-Probe-Abonnement läuft noch immer in meinen Briefkasten ein, schon weit mehr als drei Wochen)

Jetzt zugreifen: Frisches Popcorn, frisches Handelsblatt!!!

PopcornHandelsblattDie DeutschlandCard entwickelt sich zur Journalismusschleuder. Habe ich doch letztens erst ein halbes Jahr DER SPIEGEL für ein paar Rabattmarkenpunkte bekommen, bietet man mir jetzt ein halbes Jahr „Handelsblatt“-ePaper als Schnäppchen an. Das Abo endet artig automatisch.

Die DeutschlandCard-Prämien sind übersichtlich aufgelistet: Das „Handelsblatt“-Abo für jetzt nur 499 Punkte steht direkt neben der Tüte Popcorn zum Kinobesuch, die kostet allerdings stolze 520 Punkte.

P.S. Wenn ich die 499 Punkte bei Edeka an der Kasse gegen meinen Einkauf verrechnen lassen würde, bekäme ich 4,99 Euro erlassen.

So befeuern die Verlage die Kostenloskultur

BurdaDirect

Meine Freundin braucht Zeitungen zum Nähen für ihre Schnittmuster. Am liebsten ist ihr das große nordische Format. Natürlich wäscht sie sich immer nach dem Zuschneiden der Zeitungsseiten die Finger. Sonst wird ja das neue Kleidchen schwarz, oder das Röckchen eben.

Ich brauche Zeitungen gelegentlich zum Anheizen unseres Azteken-Ofens im Garten. Da ist es nicht so schlimm, wenn die Finger schmutzig werden, der Ofen ist ohnehin verrußt.

Als wir seinerzeit hier eingezogen waren, hatten wir das Umzugsunternehmen Zapf gebucht. Die gaben uns ein Gutscheinheft. Drei Monate Tagesspiegel frei Haus wurden uns darin angeboten. Ganz umsonst. Das Abo endete auch artig von selbst. Hatten wir natürlich dankend angenommen. Hatte teilweise auch Spaß gemacht zu lesen. Martenstein-Kolumnen zum Beispiel. Es war ausreichend Material da für Schnittmuster und den Ofen. Irgendwann war aber Schluss.

Meine Freundin hat Monate später für eine fette Abo-Prämie ein Jahresabo von „Mein Schönes Land“ aus dem Hause Burda abgeschlossen. Obwohl sie das vor Ablauf des Jahres gekündigt hatte, kam jetzt ein Dankesschreiben von BurdaDirect. Das ist die Organisation, die sich um die Abos kümmert. BurdaDirect schenkte meiner Freundin ein 3-Monats-Abonnement der „Berliner Zeitung“. Einfach so. Aus heiterem Himmel. Endet nach drei Monaten automatisch.

Das ist ja mal knorke. Schließlich kommt jetzt der Frühling – und mit ihm tolle Abende am Azteken-Ofen im Garten. Nur für die Schnittmuster ist die Zeitung etwas klein im Vergleich zum Tagesspiegel. Aber man kann ja nicht alles haben.

Zusammengerechnet macht das 0 Cent pro Ausgabe inkl. Zustellung. Da ist es kein Wunder, dass der Mindestlohn für Zeitungszusteller ein echtes Problem für die Verlagshäuser darstellt. Ein reguläres Abo der Berliner Zeitung würde übrigens für drei Monate 100,20 Euro kosten.

Initiative Altpapiertonne

Jetzt drehen sie völlig durch. Kulturstaatsminister Bernd Neumann läutete heute die „Nationale Initiative Printmedien“ ein. Junge Leute würden immer weniger Zeitungen und Zeitschriften lesen, wird da beklagt.

In das gleiche Horn stoßen WELT-Chefredakteur Thomas Schmid (der mit dem größten Newsroom Europas, mit der Devise „Online first“ und den unter seiner Marke 1:1 ins Web abgekippten Pressemitteilungen) und Susanne Gaschke von der ZEIT (das sind die mit dem frischen Online-Redaktionsleiter Wolfgang Blau, der unlängst zu viele Tageszeitungen in Deutschland ausmachte). Gaschke wird bei kress.de mit frustrierten Beschwörungen zitiert wie „Wir müssen wirklich daran glauben, dass die Zeitung mehr zu bieten hat als das Infromationsfrikassees aus dem Internet.“ Und: Das „Geraune irgendwelcher Blogger“ werde für erfolgreicher gehalten als das Geschäft mit bedrucktem Papier.

Welch elendes Gejammer!

Als würde es inhaltlich einen Unterschied machen, ob das geschriebene Wort auf einem Monitor oder auf einem Papier rezipiert wird. Wie mechanistisch muss man eigentlich gepolt sein, um den Kern nicht zu erkennen? Um nicht zu merken, dass der Journalismus der Kern ist, die gut recherchierte Geschichte, die eindrucksvolle Reportage, die aufrüttelnde Enthüllung. Nein, eine Enthüllung präsentiert auf dem Monitor ist in diesen anachronistischen Köpfen weniger Wert als die auf Papier. Und für eine solch undurchdachte Initiative werden jetzt noch Steuergelder verpulvert.

Man kann gerne beklagen, dass die Menschen die gute journalistische Geschichte für Glamour-Rotz und Spanner-Inhalte vernachlässigen, das hat aber nichts mit der Ausgabeform zu tun.
Warum setzt ihr euch nicht für einen besseren Journalismus ein, warum geht ihr nicht in euch, ob wir wirklich auf dem Frühstückstisch die Aufmacherzeile haben wollen, die wir am Abend vorher in der Tagesschau gehört und am vorigen Mittag sogar schon identisch online gelesen haben? Ihr Papierbastler seid zu langsam für die News. Besinnt euch bitte auf das, was ihr bringen könnt. Das ist gut recherchierter Hintergrund und nicht die Agentur-Jauche, die identisch auf hunderten Online-Tickern läuft. Aber das könnt und wollt ihr euch nicht mehr leisten. Statt dessen jammert ihr rum und schnorrt beim Steuerzahler.

Herbst im Blätterwald

Am Briefkasten meiner Nachbarn hängt jetzt ein zweiter Aufkleber. Unter „Keine Werbung einwerfen!“ prangt der Hinweis „Keine Tageszeitungen!“.

Am beliebten Winterfeldmarkt in Schöneberg steht eine ältere Frau unter einem ausgeblichenen, leicht defekten Sonnenschirm und versucht, den Passanten absolut kostenlos, unverbindlich, ohne Unterschrift eine aktuelle Ausgabe der „Berliner Morgenpost“ zu schenken. Fast alle lehnen ab, schütteln den Kopf oder stieren einfach in eine andere Richtung.

Wer bei der Berliner Volksbank ein kostenloses Girokonto eröffnet, der bekommt jetzt ein halbes Jahr die „Berliner Morgenpost“ umsonst nach Hause geliefert. Wer bei S-Bahn oder BVG ein Jahresticket für 650 Euro kauft, der braucht nur 3 Euro drauflegen, und schon bekommt er ein komplettes Jahresabo der „Berliner Zeitung“ oder der „Berliner Morgenpost“ dazu.

Unmittelbar vor dem Flohmarkt am Preußenpark steht ein Promotion-Duett, das mir zwei mal drei Gutscheine für „WELT am Sonntag“ in die Hand drückt. Im Café neben dem Flohmarkt liegt sonntags ein dicker Stapel „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ aus. Davor ein Schild: „Für unsere Gäste als kostenloser Service des Parkcafés“. Auf dem Weg zur Toilette, deren Nutzung für Nicht-Gäste und Flohmarktbesucher mit 50 Cent berechnet wird, liegt ein riesiger Stapel des Stadt- und Szenemagazins „Prinz“ zum Mitnehmen. Der liegt schon lange da. Und schrumpft kaum.

Früher haben die Menschen Zeitungen gekauft, um sich zu informieren, um ein Auto zu finden, eine neue Wohnung, um mitreden zu können am Pausentisch, um unterhalten zu werden oder ihren Horizont zu erweitern.

Dann haben die Leser angefangen, aus unterschiedlichen Gründen auf die Zeitung zu verzichten. Die Verlage reagierten mit Schnäppchenangeboten. Als auch diese nicht mehr zogen, wurden Beigaben geschaffen: Wer eine Zeitung kauft, bekommt eine CD dazu, wer ein Jahresabo bestellt, der bekommt die Hälfte des Preises als Bargeld gleich wieder zurück. Oder einen Staubsauger, oder einen iPod. Half auch nichts.

Jetzt werden die Zeitungen unaufgefordert in Briefkästen gesteckt, auf der Straße lungern Verteiler zwischen rumänischen Bettlern und „motz“-Verkäufern rum, um uns irgendwie diese Druckerzeugnisse zuzustecken. Jetzt kaufen wir einen Fahrschein und bekommen die Zeitung als Zugabe. Jetzt müssen wir uns schon davor schützen.

Tageszeitungen sind wertlos geworden. Nur wenige Menschen nehmen diese Papierbündel überhaupt noch gratis entgegen. Auf den Punkt bringt das der „Tagesspiegel“. Wer dort ein kostenloses und unverbindliches 14-tägiges Probeabo bestellt, der bekommt in seinem Begrüßungsschreiben als Vorteil angepriesen, dass die Belieferung mit der Zeitung auch wirklich nach 14 Tagen eingestellt wird.

Daher macht das Schild am Briefkasten meiner Nachbarn auch wirklich Sinn.

Konditionierung

Meine Mutter liest Zeitung. Keine Revolverblätter, sondern sogenannte Qualitätszeitungen. Inzwischen ist sie selbst dort daran gewöhnt, permanent mit Mord und Totschlag konfrontiert zu werden.
So stößt sie auf die Zeile „Friseur schießt seinen Sohn“. Sie fängt an, die Meldung zu lesen und ist nach dem ersten Satz etwas irritiert. Dann schaut sie nochmals auf die Überschrift.
Dort steht: „Friseur schließt seinen Salon“