Die Selbstenteignung der Verlage

Wie verliere ich als Verlagshaus möglichst schnell an gesellschaftlicher Bedeutung? Das ist eigentlich gar nicht so einfach, zumal die Zeitung- und Zeitschriftenmarken über Jahrzehnte gewachsen und in der Bevölkerung oft fest verankert sind.

Die Regionalzeitung hat eine extrem hohe Glaubwürdigkeit im letzten Winkel des letzten Dorfes, das überregionale Blatt wird noch immer im Fernsehen zitiert und an Flughäfen verteilt. Das ist der vielfach beschworene Qualitätsjournalismus.

Die Presse war früher oftmals unbestechlich und unabhängig. Die Verlage besaßen die komplette Distributionskette. Vom Kopf der Journalisten über das Redaktionssystem in die Rotation aufs Papier, dann auf den LKW zum Zusteller – und schließlich in den Briefkasten des Abonnenten. So war gewährleistet, dass die Presse unabhängig war, denn sie musste auf niemanden Rücksicht nehmen.

Damit ist es wohl bald vorbei. Nachdem die Verlage sehendes Auge ihr Rubrikenanzeigengeschäft und damit eine der Haupterlösquellen ins Internet haben abwandern lassen, verabschieden sie sich jetzt auch noch von der Distributionshoheit über ihre Inhalte. Vertrieb ist nunmal teuer. Mehr…

Ohne Vorwarnung: Papier-Tsunami im Briefkasten

Vor einigen Jahren hatte ich hier den Berliner „Tagesspiegel“ (für die Jüngeren: Das ist eine Tageszeitung aus der Hauptstadt) gelobt: Ein kostenloses Probe-Abo wurde dort angepriesen mit dem Leckerli, dass es auch wirklich garantiert nach 14 Tagen endet. Also musste man nicht erst mit einem Anwalt drohen, falls man im Urlaub nicht nach zwei Tagen einen verstopften Briefkasten haben wollte.

Dieses Versprechen erfüllt der Tagesspiegel noch immer, allerdings haben sich die Vertriebsleute eine raffinierte neue Facette einfallen lassen: Sie schicken einem einfach so ein Probeabonnement – auch wenn man es gar nicht angefordert hat. Sicherlich haben sie den Datensatz noch irgendwo im System schlummern.

Aus heiterem Himmel flattert ein Brief rein, man werde mit der Probelieferung am soundsovielten starten. Natürlich weiß der Vertrieb nicht, dass zu dieser Zeit bei uns noch das dreimonatige Gratis-Abonnement der „Berliner Zeitung“ läuft. Also sind wir jetzt absolut überinformiert. Und müssten eigentlich Urlaub nehmen, um uns durch die Papierberge zu kämpfen.

(Nachtrag 5.5.15: Ich habe den Tagesspiegel zu früh gelobt. Das unaufgeforderte Gratis-Probe-Abonnement läuft noch immer in meinen Briefkasten ein, schon weit mehr als drei Wochen)

So befeuern die Verlage die Kostenloskultur

BurdaDirect

Meine Freundin braucht Zeitungen zum Nähen für ihre Schnittmuster. Am liebsten ist ihr das große nordische Format. Natürlich wäscht sie sich immer nach dem Zuschneiden der Zeitungsseiten die Finger. Sonst wird ja das neue Kleidchen schwarz, oder das Röckchen eben.

Ich brauche Zeitungen gelegentlich zum Anheizen unseres Azteken-Ofens im Garten. Da ist es nicht so schlimm, wenn die Finger schmutzig werden, der Ofen ist ohnehin verrußt.

Als wir seinerzeit hier eingezogen waren, hatten wir das Umzugsunternehmen Zapf gebucht. Die gaben uns ein Gutscheinheft. Drei Monate Tagesspiegel frei Haus wurden uns darin angeboten. Ganz umsonst. Das Abo endete auch artig von selbst. Hatten wir natürlich dankend angenommen. Hatte teilweise auch Spaß gemacht zu lesen. Martenstein-Kolumnen zum Beispiel. Es war ausreichend Material da für Schnittmuster und den Ofen. Irgendwann war aber Schluss.

Meine Freundin hat Monate später für eine fette Abo-Prämie ein Jahresabo von „Mein Schönes Land“ aus dem Hause Burda abgeschlossen. Obwohl sie das vor Ablauf des Jahres gekündigt hatte, kam jetzt ein Dankesschreiben von BurdaDirect. Das ist die Organisation, die sich um die Abos kümmert. BurdaDirect schenkte meiner Freundin ein 3-Monats-Abonnement der „Berliner Zeitung“. Einfach so. Aus heiterem Himmel. Endet nach drei Monaten automatisch.

Das ist ja mal knorke. Schließlich kommt jetzt der Frühling – und mit ihm tolle Abende am Azteken-Ofen im Garten. Nur für die Schnittmuster ist die Zeitung etwas klein im Vergleich zum Tagesspiegel. Aber man kann ja nicht alles haben.

Zusammengerechnet macht das 0 Cent pro Ausgabe inkl. Zustellung. Da ist es kein Wunder, dass der Mindestlohn für Zeitungszusteller ein echtes Problem für die Verlagshäuser darstellt. Ein reguläres Abo der Berliner Zeitung würde übrigens für drei Monate 100,20 Euro kosten.

Jetzt ist auch DER SPIEGEL nix mehr wert

 

DeutschlandCard SPIEGEL-Abo

 

Jetzt ist auch DER SPIEGEL nichts mehr wert. Nach dem Bedeutungsverlust kommt der Wertverfall und man bekommt das Nachrichtenmagazin nachgeworfen: Gerade mal 1.500 Deutschlandcard-Punkte für ein Halbjahresabo inklusive Zustellung. Deutschlandcard-Punkte sind so eine Art Rabattmarken, die bekommt man umsonst dazu, wenn man bei EDEKA einkauft, bei ESSO tankt oder zum Beispiel bei C&A Socken kauft.

1.500 Punkte entsprechen bei der Einlösung an der EDEKA-Kasse gerade mal 15 Euro. Bei 26 Ausgaben kostet das Heft dann 58 Cent pro Ausgabe frei Haus. Wer etwas unclever ist und das Produkt über spiegel.de/abo bestellt, der zahlt für ein halbes Jahr solide 115 Euro.

Irgendwie traurig das. Früher war DER SPIEGEL mal ein wertvolles Magazin.

Initiative Altpapiertonne

Jetzt drehen sie völlig durch. Kulturstaatsminister Bernd Neumann läutete heute die „Nationale Initiative Printmedien“ ein. Junge Leute würden immer weniger Zeitungen und Zeitschriften lesen, wird da beklagt.

In das gleiche Horn stoßen WELT-Chefredakteur Thomas Schmid (der mit dem größten Newsroom Europas, mit der Devise „Online first“ und den unter seiner Marke 1:1 ins Web abgekippten Pressemitteilungen) und Susanne Gaschke von der ZEIT (das sind die mit dem frischen Online-Redaktionsleiter Wolfgang Blau, der unlängst zu viele Tageszeitungen in Deutschland ausmachte). Gaschke wird bei kress.de mit frustrierten Beschwörungen zitiert wie „Wir müssen wirklich daran glauben, dass die Zeitung mehr zu bieten hat als das Infromationsfrikassees aus dem Internet.“ Und: Das „Geraune irgendwelcher Blogger“ werde für erfolgreicher gehalten als das Geschäft mit bedrucktem Papier.

Welch elendes Gejammer!

Als würde es inhaltlich einen Unterschied machen, ob das geschriebene Wort auf einem Monitor oder auf einem Papier rezipiert wird. Wie mechanistisch muss man eigentlich gepolt sein, um den Kern nicht zu erkennen? Um nicht zu merken, dass der Journalismus der Kern ist, die gut recherchierte Geschichte, die eindrucksvolle Reportage, die aufrüttelnde Enthüllung. Nein, eine Enthüllung präsentiert auf dem Monitor ist in diesen anachronistischen Köpfen weniger Wert als die auf Papier. Und für eine solch undurchdachte Initiative werden jetzt noch Steuergelder verpulvert.

Man kann gerne beklagen, dass die Menschen die gute journalistische Geschichte für Glamour-Rotz und Spanner-Inhalte vernachlässigen, das hat aber nichts mit der Ausgabeform zu tun.
Warum setzt ihr euch nicht für einen besseren Journalismus ein, warum geht ihr nicht in euch, ob wir wirklich auf dem Frühstückstisch die Aufmacherzeile haben wollen, die wir am Abend vorher in der Tagesschau gehört und am vorigen Mittag sogar schon identisch online gelesen haben? Ihr Papierbastler seid zu langsam für die News. Besinnt euch bitte auf das, was ihr bringen könnt. Das ist gut recherchierter Hintergrund und nicht die Agentur-Jauche, die identisch auf hunderten Online-Tickern läuft. Aber das könnt und wollt ihr euch nicht mehr leisten. Statt dessen jammert ihr rum und schnorrt beim Steuerzahler.