Die Selbstenteignung der Verlage

Wie verliere ich als Verlagshaus möglichst schnell an gesellschaftlicher Bedeutung? Das ist eigentlich gar nicht so einfach, zumal die Zeitung- und Zeitschriftenmarken über Jahrzehnte gewachsen und in der Bevölkerung oft fest verankert sind.

Die Regionalzeitung hat eine extrem hohe Glaubwürdigkeit im letzten Winkel des letzten Dorfes, das überregionale Blatt wird noch immer im Fernsehen zitiert und an Flughäfen verteilt. Das ist der vielfach beschworene Qualitätsjournalismus.

Die Presse war früher oftmals unbestechlich und unabhängig. Die Verlage besaßen die komplette Distributionskette. Vom Kopf der Journalisten über das Redaktionssystem in die Rotation aufs Papier, dann auf den LKW zum Zusteller – und schließlich in den Briefkasten des Abonnenten. So war gewährleistet, dass die Presse unabhängig war, denn sie musste auf niemanden Rücksicht nehmen.

Damit ist es wohl bald vorbei. Nachdem die Verlage sehendes Auge ihr Rubrikenanzeigengeschäft und damit eine der Haupterlösquellen ins Internet haben abwandern lassen, verabschieden sie sich jetzt auch noch von der Distributionshoheit über ihre Inhalte. Vertrieb ist nunmal teuer.

Künftige werden manche Häuser ihre Artikel direkt an Facebook überspielen und dort von den Lesern anschauen lassen. Die Werbeerlöse teilt man sich dann.

Die Vorteile für die Verlage liegen auf der Hand. Perspektivisch kann man die eigenen Online-Aktivitäten einstellen – ein richtig glückliches Händchen hatten die deutschen Zeitungshäuser da ohnehin nicht. Außerdem entfällt die lästige Suche nach Anzeigenkunden, da Facebook sich schon darum kümmern wird.

So mag es in manchen Köpfen von Redaktionsmanagern und Chefredakteuren jetzt spuken: „Klasse! Mein Leitartikel bringt direkt Geld!“ Aber wie schlimm wird das Erwachen, wenn der Leitartikel mit dem müden „einerseits … andererseits … gleichwohl … bleibt zu hoffen“ und ähnlichen Phrasen im deutschsprachigen Raum auf Facebook nur 12 Mal angeschaut wird und einen Nettoerlös von 0,02 ct. (aufgerundet) einbringt? Das tut schon sehr weh.

Na ja. Dann wird für die Erlöse eben etwas Sex (sells) untergehoben. Zum Beispiel eine Bildergalerie von einer Modeschau, bei der auf dem Laufsteg die Brustwarzen der Models durchblitzen. Ist halt eine Mischkalkulation. Wenn der Leser leichte Kost will, soll er sie bekommen.

Denkste. Schon die erste Abbildung von Brüsten und die erste schlüpfrige Formulierung wird von Facebook gesperrt. Nicht nur das, gleich der ganze Facebook-Auftritt der Zeitungsmarke wird vom US-Monopolisten kurzerhand temporär stillgelegt. Die Amerikaner sind sehr eigen.

Da muss man sich dann entschuldigen, damit die Sperre wieder aufgehoben wird. Und das auch noch bei einem Milchbubi, der der eigene Enkel sein könnte. „Noch keine Haare an den Eiern, aber altehrwürdige Zeitungsmarken sperren“, mag dann der pikierte Redaktionsmanager über den Facebook-Mitarbeiter denken.

Aber es bleibt beim Denken. Wo sollte er so etwas auch sonst hinschreiben?

 

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