Die Selbstenteignung der Verlage

Wie verliere ich als Verlagshaus möglichst schnell an gesellschaftlicher Bedeutung? Das ist eigentlich gar nicht so einfach, zumal die Zeitung- und Zeitschriftenmarken über Jahrzehnte gewachsen und in der Bevölkerung oft fest verankert sind.

Die Regionalzeitung hat eine extrem hohe Glaubwürdigkeit im letzten Winkel des letzten Dorfes, das überregionale Blatt wird noch immer im Fernsehen zitiert und an Flughäfen verteilt. Das ist der vielfach beschworene Qualitätsjournalismus.

Die Presse war früher oftmals unbestechlich und unabhängig. Die Verlage besaßen die komplette Distributionskette. Vom Kopf der Journalisten über das Redaktionssystem in die Rotation aufs Papier, dann auf den LKW zum Zusteller – und schließlich in den Briefkasten des Abonnenten. So war gewährleistet, dass die Presse unabhängig war, denn sie musste auf niemanden Rücksicht nehmen.

Damit ist es wohl bald vorbei. Nachdem die Verlage sehendes Auge ihr Rubrikenanzeigengeschäft und damit eine der Haupterlösquellen ins Internet haben abwandern lassen, verabschieden sie sich jetzt auch noch von der Distributionshoheit über ihre Inhalte. Vertrieb ist nunmal teuer. Mehr…

So befeuern die Verlage die Kostenloskultur

BurdaDirect

Meine Freundin braucht Zeitungen zum Nähen für ihre Schnittmuster. Am liebsten ist ihr das große nordische Format. Natürlich wäscht sie sich immer nach dem Zuschneiden der Zeitungsseiten die Finger. Sonst wird ja das neue Kleidchen schwarz, oder das Röckchen eben.

Ich brauche Zeitungen gelegentlich zum Anheizen unseres Azteken-Ofens im Garten. Da ist es nicht so schlimm, wenn die Finger schmutzig werden, der Ofen ist ohnehin verrußt.

Als wir seinerzeit hier eingezogen waren, hatten wir das Umzugsunternehmen Zapf gebucht. Die gaben uns ein Gutscheinheft. Drei Monate Tagesspiegel frei Haus wurden uns darin angeboten. Ganz umsonst. Das Abo endete auch artig von selbst. Hatten wir natürlich dankend angenommen. Hatte teilweise auch Spaß gemacht zu lesen. Martenstein-Kolumnen zum Beispiel. Es war ausreichend Material da für Schnittmuster und den Ofen. Irgendwann war aber Schluss.

Meine Freundin hat Monate später für eine fette Abo-Prämie ein Jahresabo von „Mein Schönes Land“ aus dem Hause Burda abgeschlossen. Obwohl sie das vor Ablauf des Jahres gekündigt hatte, kam jetzt ein Dankesschreiben von BurdaDirect. Das ist die Organisation, die sich um die Abos kümmert. BurdaDirect schenkte meiner Freundin ein 3-Monats-Abonnement der „Berliner Zeitung“. Einfach so. Aus heiterem Himmel. Endet nach drei Monaten automatisch.

Das ist ja mal knorke. Schließlich kommt jetzt der Frühling – und mit ihm tolle Abende am Azteken-Ofen im Garten. Nur für die Schnittmuster ist die Zeitung etwas klein im Vergleich zum Tagesspiegel. Aber man kann ja nicht alles haben.

Zusammengerechnet macht das 0 Cent pro Ausgabe inkl. Zustellung. Da ist es kein Wunder, dass der Mindestlohn für Zeitungszusteller ein echtes Problem für die Verlagshäuser darstellt. Ein reguläres Abo der Berliner Zeitung würde übrigens für drei Monate 100,20 Euro kosten.

Jetzt ist auch DER SPIEGEL nix mehr wert

 

DeutschlandCard SPIEGEL-Abo

 

Jetzt ist auch DER SPIEGEL nichts mehr wert. Nach dem Bedeutungsverlust kommt der Wertverfall und man bekommt das Nachrichtenmagazin nachgeworfen: Gerade mal 1.500 Deutschlandcard-Punkte für ein Halbjahresabo inklusive Zustellung. Deutschlandcard-Punkte sind so eine Art Rabattmarken, die bekommt man umsonst dazu, wenn man bei EDEKA einkauft, bei ESSO tankt oder zum Beispiel bei C&A Socken kauft.

1.500 Punkte entsprechen bei der Einlösung an der EDEKA-Kasse gerade mal 15 Euro. Bei 26 Ausgaben kostet das Heft dann 58 Cent pro Ausgabe frei Haus. Wer etwas unclever ist und das Produkt über spiegel.de/abo bestellt, der zahlt für ein halbes Jahr solide 115 Euro.

Irgendwie traurig das. Früher war DER SPIEGEL mal ein wertvolles Magazin.

Hier gibt’s Geld für die Zeitung

Wieder ein groteskes Beispiel für von Verlagen focierte Entwertung des eigenen Produktes: Wer in Berlin zu zweit am 31. August 2013 ohnehin zur „Langen Nacht der Museen“ gehen möchte, der kann jetzt bares Geld sparen. Wie das geht?
Einfach ein 4-wöchiges Abo (endet automatisch) der Berliner Zeitung bestellen, das kostet 28,40 Euro, schon kommen zwei Karten für die „Lange Nacht der Museen“ ins Haus geflattert, die sonst 36 Euro gekostet hätten.
7,60 Euro gespart – oder ist das eine Art Entlohnung dafür, dass man vier Wochen lang den Briefkasten leeren muss?

Medienwandel? Na sowas!

Das was jetzt passiert, war eigentlich überfällig. Unmengen abends und nachts bedrucktes Papier werden mit großen Lastwagen unter viel CO2-Ausstoß zu alten Menschen transportiert und von unterbezahlten Verteilern zu schlaftrunkener Zeit in die Briefkästen gesteckt.
Der Senior blättert beim Frühstück und bekommt dabei schwarze Finger. Aufmerksam liest er einen Wetterbericht, der auf Daten vom Vortag 13 Uhr basiert.
Auf der Seite 1 fühlt er sich wieder an den vergangenen Abend erinnert. Sogar die Reihenfolge der Nachrichten entspricht der Abfolge in der Tagesschau.

Immer weniger machen da mit. Die Senioren sterben aus, die Nachwachsenden informieren sich anders. Es ist Medienwandel!

Jetzt ist das große Geflenne da. Der Print-Journalismus geht den Berg runter. Axel Springer verkauft seine Regionalzeitungen, die Frankfurter Rundschau und die Financial Times Deutschland gehen pleite. Ganze Zeitungsredaktionen werden abgewickelt.

Ich kann verstehen, wenn ein Drucker beunruhigt, wenn ein Zeitungslayouter verunsichert ist, aber ein Ende des Qualitätsjournalismus kann ich nirgends sehen. Denn guter Journalismus muss nicht zwangsläufig auf Papier verbreitet werden.

Es gibt viele gute Beispiele von aufwändigem und attraktivem Journalismus jenseits der Ausgabeform Papier. Was aber die Print-Journaille in Wirklichkeit gerade beklagt, ist der dramatische Bedeutungsverlust. Auflagenrückgänge im zweistelligen Prozentbereich jedes Jahr, Anzeigenkunden, die lieber zielgruppengenau online präsent sind und die wirklich attraktiven Broschüren über „Einkauf aktuell“ von der Deutschen Post vertreiben lassen. Für die Zeitungen bleiben kleinteilige Anzeigen für Inkontinenzvorlagen und Treppenlifte.

Es kann doch jeder sehen, was hier gerade stirbt. Ein Blick in einen S-Bahn-Waggon reicht. Die Menschen agieren mit ihren Smartphones, haben Kopfhörer auf, nur selten sitzt da einer mit Tageszeitung. Selbst ein Kindle-eBook-Reader ist inzwischen häufiger anzutreffen. Insgesamt werden mehr Medien genutzt denn je.

Warum also haben nur so wenige Journalisten, die doch eigentlich mit offenen Augen durch die Welt gehen sollten, die letzten Jahre genutzt, um sich für andere Ausgabekanäle des Journalismus fit zu machen? Warum kleben die meisten so am Papier wie Uhu? Ist es die Gewohnheit, sind sie müde, ausgebrannt, sind sie zu satt? Wie sollen sie dann eigentlich noch den Qualitätsjournalismus machen, von dem sie bei jeder Zeitungspleite wieder faseln? Wie sollen sie gute Geschichten aufspüren, wenn sie nichts mehr merken?

Und was ist eigentlich Qualitätsjournalismus? Leitartikel, ewiges Geseier, das sich schwer lesen lässt und weder Freude noch wirkliche Erkenntnis bringt?

Die Suppe haben sich die Verlage selbst eingebrockt. Erst verschenkten sie mit den Rubrikenmärkten ohne Gegenwehr eine wichtige Finanzierungsgrundlage. Jetzt machen sich Immoscout etc. logischerweise satt an dem gewaltigen Markt. Dann fingen die Zeitungshäuser an, ihre Blätter zu entwerten. Wer ein Jahr den Spiegel abonniert, bekommt gleich 100 Euro cash überwiesen als Prämie. Wer sich zwei Jahre lang den heimischen Briefkasten mit der Berliner Zeitung befüllen lässt, bekam dafür unlängst eine 500-Euro-Gutschein (in Worten: fünfhundert) für ein neues Fahrrad. Monatlich kostete damit das Abo gerade mal noch vier Euro.

In fast jedem Mietshaus klebt an Briefkästen seit einiger Zeit neben „Bitte keine Werbung“ der Hinweis: „Auch keine Zeitungen“. Eigentlich ist es sogar noch viel schlimmer. Es ist nicht nur ein dramatischer Bedeutungsverlust, den Zeitungen erleiden – die Menschen haben sogar teilweise den Eindruck, mit den Produkten zugemüllt zu werden.

+++++ Work in progress – bald geht’s noch schlimmer weiter… +++++

Initiative Altpapiertonne

Jetzt drehen sie völlig durch. Kulturstaatsminister Bernd Neumann läutete heute die „Nationale Initiative Printmedien“ ein. Junge Leute würden immer weniger Zeitungen und Zeitschriften lesen, wird da beklagt.

In das gleiche Horn stoßen WELT-Chefredakteur Thomas Schmid (der mit dem größten Newsroom Europas, mit der Devise „Online first“ und den unter seiner Marke 1:1 ins Web abgekippten Pressemitteilungen) und Susanne Gaschke von der ZEIT (das sind die mit dem frischen Online-Redaktionsleiter Wolfgang Blau, der unlängst zu viele Tageszeitungen in Deutschland ausmachte). Gaschke wird bei kress.de mit frustrierten Beschwörungen zitiert wie „Wir müssen wirklich daran glauben, dass die Zeitung mehr zu bieten hat als das Infromationsfrikassees aus dem Internet.“ Und: Das „Geraune irgendwelcher Blogger“ werde für erfolgreicher gehalten als das Geschäft mit bedrucktem Papier.

Welch elendes Gejammer!

Als würde es inhaltlich einen Unterschied machen, ob das geschriebene Wort auf einem Monitor oder auf einem Papier rezipiert wird. Wie mechanistisch muss man eigentlich gepolt sein, um den Kern nicht zu erkennen? Um nicht zu merken, dass der Journalismus der Kern ist, die gut recherchierte Geschichte, die eindrucksvolle Reportage, die aufrüttelnde Enthüllung. Nein, eine Enthüllung präsentiert auf dem Monitor ist in diesen anachronistischen Köpfen weniger Wert als die auf Papier. Und für eine solch undurchdachte Initiative werden jetzt noch Steuergelder verpulvert.

Man kann gerne beklagen, dass die Menschen die gute journalistische Geschichte für Glamour-Rotz und Spanner-Inhalte vernachlässigen, das hat aber nichts mit der Ausgabeform zu tun.
Warum setzt ihr euch nicht für einen besseren Journalismus ein, warum geht ihr nicht in euch, ob wir wirklich auf dem Frühstückstisch die Aufmacherzeile haben wollen, die wir am Abend vorher in der Tagesschau gehört und am vorigen Mittag sogar schon identisch online gelesen haben? Ihr Papierbastler seid zu langsam für die News. Besinnt euch bitte auf das, was ihr bringen könnt. Das ist gut recherchierter Hintergrund und nicht die Agentur-Jauche, die identisch auf hunderten Online-Tickern läuft. Aber das könnt und wollt ihr euch nicht mehr leisten. Statt dessen jammert ihr rum und schnorrt beim Steuerzahler.