Die Selbstenteignung der Verlage

Wie verliere ich als Verlagshaus möglichst schnell an gesellschaftlicher Bedeutung? Das ist eigentlich gar nicht so einfach, zumal die Zeitung- und Zeitschriftenmarken über Jahrzehnte gewachsen und in der Bevölkerung oft fest verankert sind.

Die Regionalzeitung hat eine extrem hohe Glaubwürdigkeit im letzten Winkel des letzten Dorfes, das überregionale Blatt wird noch immer im Fernsehen zitiert und an Flughäfen verteilt. Das ist der vielfach beschworene Qualitätsjournalismus.

Die Presse war früher oftmals unbestechlich und unabhängig. Die Verlage besaßen die komplette Distributionskette. Vom Kopf der Journalisten über das Redaktionssystem in die Rotation aufs Papier, dann auf den LKW zum Zusteller – und schließlich in den Briefkasten des Abonnenten. So war gewährleistet, dass die Presse unabhängig war, denn sie musste auf niemanden Rücksicht nehmen.

Damit ist es wohl bald vorbei. Nachdem die Verlage sehendes Auge ihr Rubrikenanzeigengeschäft und damit eine der Haupterlösquellen ins Internet haben abwandern lassen, verabschieden sie sich jetzt auch noch von der Distributionshoheit über ihre Inhalte. Vertrieb ist nunmal teuer. Mehr…

Letzte Klappe für die OSO

Goethehaus ohne Menschen

Was für ein jämmerlicher Abgang! Vor fünf Jahren noch Nummer-eins-Thema in der Tagesschau, dann ein zähes Heckmeck zwischen Opfern und der Schule, jetzt schließlich das banale Ende: Die Odenwaldschule meldet Insolvenz an. Zu wenig Nachfrage.

Wer will seinem Kind denn wirklich für einen Haufen Geld ein Abiturzeugnis anhängen, das mit „Odenwaldschule“ überschrieben ist? Das Stigma säße für die nächsten Jahrzehnte fest. Also Schluss mit dem „berüchtigten Elite-Internat“ (WELT, 26.4.15).

Zurück bleiben ein paar Schüler, die sich mit ihren Eltern eine andere Schule suchen, ein paar Lehrer, die sich nach einem Job in einer anderen Einrichtung umschauen müssen – und viele so genannte Altschüler, die nostalgisch an ihre pubertäre Zeit auf dem Internat zurückdenken:

Alkohol damals. Kein Problem. Kiffen? Na ja. Verboten, aber nicht ganz so schlimm. Freiheit ohne Ende. Der 14-Jährige kann per Anhalter nach Frankfurt fahren, 50 km entfernt, dort Drogen kaufen, und wenn er zum Abendessen zurück ist, dann merkt eigentlich keiner etwas. Mehr…

Ohne Vorwarnung: Papier-Tsunami im Briefkasten

Vor einigen Jahren hatte ich hier den Berliner „Tagesspiegel“ (für die Jüngeren: Das ist eine Tageszeitung aus der Hauptstadt) gelobt: Ein kostenloses Probe-Abo wurde dort angepriesen mit dem Leckerli, dass es auch wirklich garantiert nach 14 Tagen endet. Also musste man nicht erst mit einem Anwalt drohen, falls man im Urlaub nicht nach zwei Tagen einen verstopften Briefkasten haben wollte.

Dieses Versprechen erfüllt der Tagesspiegel noch immer, allerdings haben sich die Vertriebsleute eine raffinierte neue Facette einfallen lassen: Sie schicken einem einfach so ein Probeabonnement – auch wenn man es gar nicht angefordert hat. Sicherlich haben sie den Datensatz noch irgendwo im System schlummern.

Aus heiterem Himmel flattert ein Brief rein, man werde mit der Probelieferung am soundsovielten starten. Natürlich weiß der Vertrieb nicht, dass zu dieser Zeit bei uns noch das dreimonatige Gratis-Abonnement der „Berliner Zeitung“ läuft. Also sind wir jetzt absolut überinformiert. Und müssten eigentlich Urlaub nehmen, um uns durch die Papierberge zu kämpfen.

(Nachtrag 5.5.15: Ich habe den Tagesspiegel zu früh gelobt. Das unaufgeforderte Gratis-Probe-Abonnement läuft noch immer in meinen Briefkasten ein, schon weit mehr als drei Wochen)

Jetzt zugreifen: Frisches Popcorn, frisches Handelsblatt!!!

PopcornHandelsblattDie DeutschlandCard entwickelt sich zur Journalismusschleuder. Habe ich doch letztens erst ein halbes Jahr DER SPIEGEL für ein paar Rabattmarkenpunkte bekommen, bietet man mir jetzt ein halbes Jahr „Handelsblatt“-ePaper als Schnäppchen an. Das Abo endet artig automatisch.

Die DeutschlandCard-Prämien sind übersichtlich aufgelistet: Das „Handelsblatt“-Abo für jetzt nur 499 Punkte steht direkt neben der Tüte Popcorn zum Kinobesuch, die kostet allerdings stolze 520 Punkte.

P.S. Wenn ich die 499 Punkte bei Edeka an der Kasse gegen meinen Einkauf verrechnen lassen würde, bekäme ich 4,99 Euro erlassen.

So befeuern die Verlage die Kostenloskultur

BurdaDirect

Meine Freundin braucht Zeitungen zum Nähen für ihre Schnittmuster. Am liebsten ist ihr das große nordische Format. Natürlich wäscht sie sich immer nach dem Zuschneiden der Zeitungsseiten die Finger. Sonst wird ja das neue Kleidchen schwarz, oder das Röckchen eben.

Ich brauche Zeitungen gelegentlich zum Anheizen unseres Azteken-Ofens im Garten. Da ist es nicht so schlimm, wenn die Finger schmutzig werden, der Ofen ist ohnehin verrußt.

Als wir seinerzeit hier eingezogen waren, hatten wir das Umzugsunternehmen Zapf gebucht. Die gaben uns ein Gutscheinheft. Drei Monate Tagesspiegel frei Haus wurden uns darin angeboten. Ganz umsonst. Das Abo endete auch artig von selbst. Hatten wir natürlich dankend angenommen. Hatte teilweise auch Spaß gemacht zu lesen. Martenstein-Kolumnen zum Beispiel. Es war ausreichend Material da für Schnittmuster und den Ofen. Irgendwann war aber Schluss.

Meine Freundin hat Monate später für eine fette Abo-Prämie ein Jahresabo von „Mein Schönes Land“ aus dem Hause Burda abgeschlossen. Obwohl sie das vor Ablauf des Jahres gekündigt hatte, kam jetzt ein Dankesschreiben von BurdaDirect. Das ist die Organisation, die sich um die Abos kümmert. BurdaDirect schenkte meiner Freundin ein 3-Monats-Abonnement der „Berliner Zeitung“. Einfach so. Aus heiterem Himmel. Endet nach drei Monaten automatisch.

Das ist ja mal knorke. Schließlich kommt jetzt der Frühling – und mit ihm tolle Abende am Azteken-Ofen im Garten. Nur für die Schnittmuster ist die Zeitung etwas klein im Vergleich zum Tagesspiegel. Aber man kann ja nicht alles haben.

Zusammengerechnet macht das 0 Cent pro Ausgabe inkl. Zustellung. Da ist es kein Wunder, dass der Mindestlohn für Zeitungszusteller ein echtes Problem für die Verlagshäuser darstellt. Ein reguläres Abo der Berliner Zeitung würde übrigens für drei Monate 100,20 Euro kosten.

Jetzt ist auch DER SPIEGEL nix mehr wert

 

DeutschlandCard SPIEGEL-Abo

 

Jetzt ist auch DER SPIEGEL nichts mehr wert. Nach dem Bedeutungsverlust kommt der Wertverfall und man bekommt das Nachrichtenmagazin nachgeworfen: Gerade mal 1.500 Deutschlandcard-Punkte für ein Halbjahresabo inklusive Zustellung. Deutschlandcard-Punkte sind so eine Art Rabattmarken, die bekommt man umsonst dazu, wenn man bei EDEKA einkauft, bei ESSO tankt oder zum Beispiel bei C&A Socken kauft.

1.500 Punkte entsprechen bei der Einlösung an der EDEKA-Kasse gerade mal 15 Euro. Bei 26 Ausgaben kostet das Heft dann 58 Cent pro Ausgabe frei Haus. Wer etwas unclever ist und das Produkt über spiegel.de/abo bestellt, der zahlt für ein halbes Jahr solide 115 Euro.

Irgendwie traurig das. Früher war DER SPIEGEL mal ein wertvolles Magazin.

Hier gibt’s Geld für die Zeitung

Wieder ein groteskes Beispiel für von Verlagen focierte Entwertung des eigenen Produktes: Wer in Berlin zu zweit am 31. August 2013 ohnehin zur „Langen Nacht der Museen“ gehen möchte, der kann jetzt bares Geld sparen. Wie das geht?
Einfach ein 4-wöchiges Abo (endet automatisch) der Berliner Zeitung bestellen, das kostet 28,40 Euro, schon kommen zwei Karten für die „Lange Nacht der Museen“ ins Haus geflattert, die sonst 36 Euro gekostet hätten.
7,60 Euro gespart – oder ist das eine Art Entlohnung dafür, dass man vier Wochen lang den Briefkasten leeren muss?

Medienwandel? Na sowas!

Das was jetzt passiert, war eigentlich überfällig. Unmengen abends und nachts bedrucktes Papier werden mit großen Lastwagen unter viel CO2-Ausstoß zu alten Menschen transportiert und von unterbezahlten Verteilern zu schlaftrunkener Zeit in die Briefkästen gesteckt.
Der Senior blättert beim Frühstück und bekommt dabei schwarze Finger. Aufmerksam liest er einen Wetterbericht, der auf Daten vom Vortag 13 Uhr basiert.
Auf der Seite 1 fühlt er sich wieder an den vergangenen Abend erinnert. Sogar die Reihenfolge der Nachrichten entspricht der Abfolge in der Tagesschau.

Immer weniger machen da mit. Die Senioren sterben aus, die Nachwachsenden informieren sich anders. Es ist Medienwandel!

Jetzt ist das große Geflenne da. Der Print-Journalismus geht den Berg runter. Axel Springer verkauft seine Regionalzeitungen, die Frankfurter Rundschau und die Financial Times Deutschland gehen pleite. Ganze Zeitungsredaktionen werden abgewickelt.

Ich kann verstehen, wenn ein Drucker beunruhigt, wenn ein Zeitungslayouter verunsichert ist, aber ein Ende des Qualitätsjournalismus kann ich nirgends sehen. Denn guter Journalismus muss nicht zwangsläufig auf Papier verbreitet werden.

Es gibt viele gute Beispiele von aufwändigem und attraktivem Journalismus jenseits der Ausgabeform Papier. Was aber die Print-Journaille in Wirklichkeit gerade beklagt, ist der dramatische Bedeutungsverlust. Auflagenrückgänge im zweistelligen Prozentbereich jedes Jahr, Anzeigenkunden, die lieber zielgruppengenau online präsent sind und die wirklich attraktiven Broschüren über „Einkauf aktuell“ von der Deutschen Post vertreiben lassen. Für die Zeitungen bleiben kleinteilige Anzeigen für Inkontinenzvorlagen und Treppenlifte.

Es kann doch jeder sehen, was hier gerade stirbt. Ein Blick in einen S-Bahn-Waggon reicht. Die Menschen agieren mit ihren Smartphones, haben Kopfhörer auf, nur selten sitzt da einer mit Tageszeitung. Selbst ein Kindle-eBook-Reader ist inzwischen häufiger anzutreffen. Insgesamt werden mehr Medien genutzt denn je.

Warum also haben nur so wenige Journalisten, die doch eigentlich mit offenen Augen durch die Welt gehen sollten, die letzten Jahre genutzt, um sich für andere Ausgabekanäle des Journalismus fit zu machen? Warum kleben die meisten so am Papier wie Uhu? Ist es die Gewohnheit, sind sie müde, ausgebrannt, sind sie zu satt? Wie sollen sie dann eigentlich noch den Qualitätsjournalismus machen, von dem sie bei jeder Zeitungspleite wieder faseln? Wie sollen sie gute Geschichten aufspüren, wenn sie nichts mehr merken?

Und was ist eigentlich Qualitätsjournalismus? Leitartikel, ewiges Geseier, das sich schwer lesen lässt und weder Freude noch wirkliche Erkenntnis bringt?

Die Suppe haben sich die Verlage selbst eingebrockt. Erst verschenkten sie mit den Rubrikenmärkten ohne Gegenwehr eine wichtige Finanzierungsgrundlage. Jetzt machen sich Immoscout etc. logischerweise satt an dem gewaltigen Markt. Dann fingen die Zeitungshäuser an, ihre Blätter zu entwerten. Wer ein Jahr den Spiegel abonniert, bekommt gleich 100 Euro cash überwiesen als Prämie. Wer sich zwei Jahre lang den heimischen Briefkasten mit der Berliner Zeitung befüllen lässt, bekam dafür unlängst eine 500-Euro-Gutschein (in Worten: fünfhundert) für ein neues Fahrrad. Monatlich kostete damit das Abo gerade mal noch vier Euro.

In fast jedem Mietshaus klebt an Briefkästen seit einiger Zeit neben „Bitte keine Werbung“ der Hinweis: „Auch keine Zeitungen“. Eigentlich ist es sogar noch viel schlimmer. Es ist nicht nur ein dramatischer Bedeutungsverlust, den Zeitungen erleiden – die Menschen haben sogar teilweise den Eindruck, mit den Produkten zugemüllt zu werden.

+++++ Work in progress – bald geht’s noch schlimmer weiter… +++++